Kurzgeschichte - Halloween 2011
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am 02.10.2011 um 16:01 (789 Hits)
Die Nacht senkte sich langsam nieder und ein stürmischer Wind kam auf, als das ältere Ehepaar aus dem Ruhrgebiet die Autobahn verließ. Eine mehrstündige Fahrt lag hinter ihnen, denn Friedrich, der Mann, legte großen Wert auf ausreichend Pausen und hielt diese strikt ein. Diese rigorose Konsequenz ist und war ihm seit jeher zu eigen. Gerda, seine Frau, hatte sich längst damit abgefunden und sich ihm angepasst. Nicht zuletzt war es schließlich Friedrichs Pedanterie zu verdanken, dass er es bis zum Amtsvorsteher der örtlichen Stadtverwaltung gebracht hatte. Was ihnen, zumindest finanziell, ein überaus sorgloses Leben möglich machte.
Vor knapp drei Jahren, Friedrich hatte pünktlich zum 65. Geburtstag sein Pensionärsdasein angetreten, hatten sie sich ein kleines Häuschen am Bodensee gekauft. Ein wahres Schnäppchen übrigens, denn um das Haus rankten sich wilde Geschichten. Das ließ die übrige Interessentenschar rasch schwinden. Nicht aber Friedrich Kuttenkeuler. Für ihn zählten ausschließlich Lage, Bausubstanz und natürlich der Preis; alles andere interessierte ihn nicht.
Bislang hatten die alten Kuttenkeulers allerdings noch nicht viel Zeit in ihrem Urlaubsdomizil verbringen können. Gerda hatte sich einer Hüft-OP unterziehen müssen und kurz danach bekam Friedrich – ausnahmsweise gänzlich ungeplant – drei Bypässe eingesetzt. Immerhin konnten sie aber den Kuraufenthalt in Bad Pyrmont gemeinsam verleben, während sich ihr einziger Sohn Hans-Friedrich um das Häuschen kümmerte.
Gesundheitlich altersentsprechend wieder bestens hergestellt, freuten sie sich nun aber schon auf die nächsten vier Wochen im ländlichen Idyll. Sogar Friedrich zeigte ungewohnte Emotionen und pfiff, aller bestens gelaunt, leise „Horch was kommt von draußen rein“ vor sich hin. Nur schade, dass der Sommer längst um war. Die Blätter der Bäume zeigten sich bereits in Herbstlaub, auf das ab und an ein Sonnenstrahl durch den wolkenverhangenen Himmel blitzte. Das machte die Szenerie ein wenig farbenfroher, in der das kleine Haus der Kuttenkeulers stand. Friedrich fuhr den Wagen langsam in die enge Einfahrt, stieg aus und atmete erst einmal tief durch. Das Fahren hatte ihn mehr angestrengt, als er jemals zugeben würde.
Gerda machte sich derweil bereits am Kofferraum zu schaffen. Unzählige Koffer, Taschen und Tüten waren darin. Friedrich bestand darauf, auch im Urlaub seine gewohnte Verpflegung zu erhalten. Brot, Dauerwurst und selbst das seit Jahrzehnten gewohnte Bier der Heimatbrauerei hatte seine Frau einpacken müssen. Gerda tat es nicht gerne und mit einem Seufzen, wusste aber, dass so zumindest Friedrichs Stimmung nicht umschlug. Sie hatten sich beide lange auf diesen Urlaub gefreut, da durfte man schließlich nichts riskieren.
Mit zwei schweren Taschen bepackt ging Friedrich auf die Tür des kleinen Hause zu und schloß auf. Ein schwerer, modriger Geruch schlug ihm entgegen. Friedrich rümpfte die Nase. „Gerda, da muss erst einmal ordentlich gelüftet werden.“ wies er seine Frau an, stellte die Koffer ab und schritt mit kritischem Blick durch den Vorgarten. Es gab viel zu tun, das sah er sofort. Laub lag auf dem viel zu langen Rasen und die Blumenbeete mussten dringend vom Unkraut befreit werden. In Gedanken machte Friedrich sich einen exakten Plan, wie sie den Garten wieder auf Vordermann bringen würden.
Gerda hatte zwischenzeitlich alle Fenster geöffnet und schleppte die Unmengen an Gepäck ins Haus. Gottlob hatte sie, in weiser hausfraulicher Voraussicht, auch Putzzeug eingepackt. Sobald alles verstaut war, würde sie sich daran machen, gründlich durchzuwischen, denn es stank wirklich erbärmlich.
Ein paar Stunden später, es war längst dunkel geworden und Friedrich saß bei der Tagesschau, war Gerda fertig. Mit sich, der Welt aber auch der gründlichen Reinigung des Hauses. Sie hatte geputzt was Schrubber und Lappen hergaben, aber der üble Geruch war noch immer deutlich zu merken. Egal, dachte sich Gerda; morgen ist auch noch ein Tag. Sie waren beide müde, sehr müde – und so lagen sie bereits kurz nach 21 Uhr im Bett und fielen binnen kürzester Zeit in einen tiefen Schlaf.
Es war gerade Mitternacht als Friedrich von einem kurzen, aber nicht minder lauten Knarren geweckt wurde. Dann war es ruhig. Es war stockdunkel im Schlafzimmer. Gerdas Atemzüge gingen fast regelmäßig und wurden nur ab und an von ein paar Schnarchlauten unterbrochen. Aber die waren es nicht, die Friedrich Kuttenkeuler geweckt hatten. Er lauschte. Nichts. Hatte er womöglich doch geträumt? Da! Da war es schon wieder. Ein langgezogenes Knarren diesmal. Dann ein leises Tappen auf den alten Holzdielen, bevor es wieder still wurde. Friedrich stockte schier der Atem. Einbrecher? Er griff zu seiner Brille, die auf dem Nachttisch lag und setzte sie auf. Das Licht ließ er aus. Sicher ist sicher, dachte er, als er plötzlich etwas wie schlurfende Schritte vernahm.
„Gerda“, flüsterte er und stieß seine Frau unsanft an. „Gerda, hörst du das auch?“ Gerda Kuttenkeuler grunzte ein wenig, drehte sich auf die andere Seite und schlief weiter. Typisch dachte Friedrich, alles muss man alleine machen. Er schlug die Decke zur Seite, setzte sich langsam auf und tastete mit den Füßen im Dunkeln nach seinen Pantoffeln, die vor dem Bett standen. Stetig darauf bedacht, so leise wie irgend möglich zu sein. Langsam und behende schlich er zur Schlafzimmertür und drückte vorsichtig die Klinke. Sie quietschte ein wenig. Friedrich öffnete die Tür einen kleinen Spalt und schaute vorsichtig in kleinen Flur, den das Mondlicht spärlich erleuchtete. Alles ruhig, keine Auffälligkeiten. Mit pochendem Herzen machte er die Tür etwas weiter auf, trat vorsichtig hindurch und lauschte. Nichts. Vielleicht war es doch nur der stürmische Herbstwind, der an der alten Schuppentür gerüttelt hatte? Noch während sich Friedrich diese Frage stellte hörte er erneut tappsende Schritte im Untergeschoss. Friedrich hielt den Atem an, seine Stirn war schweißnass. Was sollte er tun? Weder hatte er ein Handy, noch gab es überhaupt einen Telefonanschluss im Haus. Er griff zum Schrubber, den seine Frau mal wieder – glücklicherweise diesmal – vor der Tür zur kleinen Kammer hatte stehen lassen. Damit würde er sich zumindest wehren können, dachte Friedrich.
Den Umständen entsprechend schlecht bewaffnet schritt er leise zum Treppenabsatz. Unten war nun alles wieder ruhig. Er blickte die Stufen hinab. Kein Lichtschein war zu sehen. Mutig, so mutig es im Rahmen seiner persönlichen Möglichkeiten eben ging, stieg er ganz langsam, eine Treppenstufe nach der andern nehmend, hinab.
Plötzlich war es wieder da, dieses Tappen. Viel lauter als zuvor. Friedrich erstarrte und wagte es kaum mehr zu atmen, als ein herzzerreißendes „Miauuuuuuuu“ ertönte. Eine Katze?! Friedrich knippste tapfer das Licht an. Tatsächlich. Auf dem Flickenteppich im unteren Flur saß eine gutgenährte schwarzweiße Katze. Vor sich einen toten Maulwurf liegend heulte sie die Stelle der Wand an, an der Friedrichs Bierkisten standen. „Was machst Du denn da?“ fragte Friedrich mit ungewohnt sanfter Stimme. „Miauuuuuu“ antwortete die Katze und starrte fordernd die Wand an. „Na was ist denn da?“ Friedrich schob die Kisten zur Seite. Eine unauffällige kleine Katzenklappe verbarg sich dahinter, die man nur bei ganz genauem Hinsehen erkennen konnte. Oder eben, wenn eine Katze hindurch lief, wie es diese, mit dem Maulwurf im Maul, grade tat.
Friedrich holte seine Taschenlampe aus dem Rucksack, der an der Garderobe stand und leuchtet hinein. Ein bestialischer Gestank schlug ihm entgegen. Ganz offensichtlich diente die kleine Höhle hinter der Klappe der Katze seit als Lager für ihre Beute. Dutzende Mäuse lagen darin, die verwest und größtenteils schon mumifiziert waren. „Mieze, Mieze – was haste da bloß angerichtet?“ – Friedrich Kuttenkeuler reagierte ungewöhnlich mild. „Da müssen wir aber morgen Früh gleich mal ordentlich saubermachen wir zwei.“ Die Katze strich ihm um die Beine und fing an zu schnurren. Friedrich ging in die Küche und die Katze folgte ihm. Aus dem Kühlschrank holte er seine Lieblingswurst „Hier meine Süße, das ist doch viel besser...“ sagte er und hielt der Katze ein Stück Wurst hin, das sie mit sichtlichem Genuss fraß. Das ging so lange, bis die Katze satt war. Dann gingen sie ins Wohnzimmer, Friedrich legte sich aufs Sofa und die Katze auf seinen Bauch.
Als Gerda am nächsten Morgen die Treppe herunter kam und die beiden, noch immer selig schlummernd, vorfand, huschte ein Lächeln über ihr Gesicht. So ein übler Typ war ihr Friedrich letztlich gar nicht. Und so entschieden sie sich bereits am Nachmittag dafür, ihre Zelte in der Stadt so schnell wie möglich abzubrechen. Und schon bald lebten Gerda und Friedrich Kuttenkeuler, gemeinsam mit Katze Lola, glücklich, zufrieden und harmonisch wie nie zuvor in ihrem kleinen Häuschen in einem kleinen Dorf irgendwo unter uns.





